Entwicklungen in der Tierzucht - und wie kann die Zukunft aussehen?

Durch die gezielte Zucht bestimmter Eigenschaften bei Nutztieren konnte in der Vergangenheit eine Leistungssteigerung bei Rindern, Schweinen, Schafen, Ziegen und Geflügel erzielt werden: Weniger Tiere können heute mehr Menschen ernähren, was auch zu einer effizienteren Ressourcennutzung führte. Doch einige Entwicklungen in der Tierzucht werden heute - vor allem im Hinblick auf das Verhältnis der Menschen zum Nutztier - kritisch hinterfragt.

Der Mensch nutzt tierische Leistungen seit nunmehr über 15.000 Jahren. Archäologische Befunde aus dem Mittleren Osten und von den britischen Inseln haben gezeigt, dass die Menschen bereits 17.000 bis 14.000 Jahre vor Christus Tiere hielten und Milch und Milchprodukte wesentliche Bestandteile ihrer Ernährung waren. Im weitesten Sinne geht die Tierzucht auf die als Domestikation bezeichnete, allmähliche Umwandlung von Wild- in Haus- und Nutztiere zurück. Der Mensch hat dabei anhand der äußeren Erscheinung oder auch der Milch-, Fleisch- oder Zugleistung bestimmte Tiere mit den gewünschten Eigenschaften ausgewählt und miteinander verpaart. Ohne die tatsächlichen Grundlagen der Vererbung von Eigenschaften zu kennen, hat der Mensch so bereits sehr früh im Laufe der Domestikation die genetischen Eigenschaften der Tiere verändert.

Die moderne, systematische Tierzucht, die auf diesen sehr grundlegenden Prinzipien aufbaut, geht auf den Briten Robert Bakewell (1725 – 1795) zurück. Ergänzt durch Fortschritte in den Reproduktionstechnologien wie künstliche Besamung und Embryotransfer und in der Datenverarbeitung hat die Tierzucht seit Mitte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zu den zum Teil erheblichen Leistungssteigerungen in der Nutztierhaltung beigetragen.

Wachstum der Bevölkerung steigert Nachfrage an tierischen Produkten

Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung in Deutschland sehr schnell und somit die Nachfrage nach kostengünstigen Nahrungsmitteln tierischer Herkunft, vor allem Milch, Fleisch und Eier. Dies konnte mit den damals vorhandenen Tierbeständen und Produktionsverfahren nicht erfüllt werden. Es drohten Hungerrevolten und Mangel, denen man mit dem Aufbau systematischer Züchtungssysteme nach englischem Vorbild begegnen wollte.

Zwar ernähren durch diese Leistungssteigerungen weniger Tiere mehr Menschen, was auch in puncto Ressourceneffizienz eine Verbesserung darstellt. Seit einigen Jahren wird aber in der öffentlichen Diskussion immer stärker die ökonomisch erfolgreiche und leistungsbezogene Zucht hinterfragt.

Technik für die Tiergesundheit einsetzen

Eine wesentliche Voraussetzung für eine bessere gesellschaftliche Akzeptanz ist in jedem Fall, dass alle Akteure die Bedürfnisse der Tierindividuen weiter in den Mittelpunkt stellen. Die Gesellschaft will die Tiere in guten Händen wissen. Dazu muss aufgezeigt werden, dass die Tierhalterinnen und -halter die Bedürfnisse der Tiere mit neuester Technik immer besser erfassen und befriedigen können, aber die Technik dabei nie genutzt wird, um Abstriche in der Qualität der Tierbetreuung wettzumachen. Es muss vermittelt werden, dass die Tierzuchtforschung sich intensiv mit den genetischen Grundlagen der Gesundheit und des Wohlbefindens der Tiere befasst, wobei die züchterischen Maßnahmen der Unversehrtheit und Würde der Tiere nicht abträglich sein dürfen. Deshalb ist es wichtig, dass die Tierzuchtforschung nicht als solitäre Disziplin agiert, sondern eng mit den anderen Tierwissenschaften, insbesondere den Verhaltenswissenschaften, zusammenarbeitet.

Optionen für die Versorgung einer wachsenden Weltbevölkerung

Es herrscht Übereinstimmung in der Einschätzung, dass die Weltbevölkerung von jetzt 7,3 auf 9,5 Milliarden in 2050 steigen wird. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat errechnet, dass sich dadurch die globale Nachfrage nach tierischen Produkten verdoppelt und damit große Herausforderungen bewältigt werden müssten, wenn die Nachfrage der Bevölkerung auch in Zukunft noch gedeckt werden soll. Dafür kommen zwei Optionen in Betracht: die Bestände aufstocken oder die Produktionseffizienz der Nutztiere zu verbessern. Die erste Option bringt eine Reihe von Problemen mit sich - Nutzfläche und Ressourcen sind limitiert und negative Umweltwirkungen wie die Entstehung von Treibhausgasen würden die Nachhaltigkeit dieser Vorgehensweise in Frage stellen. Die zweite Option kann hingegen eine nachhaltige Alternative sein, wenn Verfahrens- und Produktionsinnovationen in den Produktionsablauf gezielt und strategisch eingebracht werden. Zukunftsfähige, nachhaltige Nutztierhaltung muss also mit der Entwicklung und Anwendung angepasster Züchtungsstrategien, die eine effiziente Nutzung der begrenzten Ressourcen unter umwelt- und tierfreundlichen Rahmenbedingungen fördern, einhergehen.

Weitere Informationen

Wie sollen sich die Tierhalterinnen und Tierhalter, die Zucht- und Besamungsorganisationen, die mit der Tierzucht befassten staatlichen Stellen sowie die Tierzuchtforschung angesichts dieser kontroversen Diskussion zur Nutztierhaltung positionieren?

Wer sich dazu detaillierter informieren möchte, kann dies in der Publikation "Neue Wege der Tierzucht für eine nachhaltige Nutztierhaltung".

Die Autorenschaft führender Tierzuchtwissenschaftler und Fachleute auf dem Gebiet der Tierzucht spannt in ihren Beiträgen den Bogen über verschiedene Aspekte der Tierzucht. Von den wissenschaftlichen Grundlagen bis hin zu den rechtlichen Rahmenbedingungen werden die Themen im aktuellen Kontext erörtert und in Bezug zur Entwicklungsgeschichte der Tierzucht gesetzt. Basierend auf einer faktenorientierten Darstellung der heutigen Nutztierzucht werden auch zukünftige Entwicklungen skizziert und der Forschungsbedarf für eine nachhaltige und zielgenaue Tierzucht benannt.

Zum Bestellen oder Herunterladen auf dem BLE-Medienservice: Neue Wege der Tierzucht für eine nachhaltige Nutztierhaltung

Publikation des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft mit dem Titel "Neue Wege der Tierzucht für eine nachhaltige Nutztierhaltung"