Bild von einer Kuh

Mehr Platz, Beschäftigung und Außenklima im "Virtuellen Stall der Zukunft"

Wie sollen in Zukunft die Ställe aussehen, die modern sind und für mehr Tierwohl sorgen?

Bürgerinnen und Bürger haben sich gemeinsam mit Wissenschaftlern, Landwirten und Stallbauexperten in dem Projekt "Virtueller Stall der Zukunft" ein Jahr lang damit beschäftigt, was den Tieren guttut, gesellschaftlichen Anforderungen entspricht und für Landwirte machbar ist. Das Projekt ist ein gutes Beispiel für einen neuartigen Dialog zwischen Bürgern, Wissenschaftlern und Landwirten.

Mit den Entwicklungen aus dem Innovationsprojekt der Universität Göttingen und ihrer Projektpartner können Landwirtinnen und Landwirte künftig per Baukastensystem ihren modernen Stall für Sauen, Ferkel oder Mastschweine planen und dafür betriebsindividuell Kosten kalkulieren. Mehr Platz, Zugang zu Außenklima, organisches Beschäftigungsmaterial, Duschen und Wühlmöglichkeiten sind dabei vorgesehen.

Die Beteiligten haben sich in dem Projekt Gedanken für alle Produktionsstufen der Schweinehaltung gemacht. Mit den zusammengestellten Ideen können die Betriebe an der Stufe 2 des staatlichen Tierwohllabels teilnehmen. Dazu gibt es ein kostenfreies Excel-Tool zur betriebsindividuellen Kostenberechnung.

Eckpunkte für mehr Tierwohl

Bei allen Konzepten steht der Wunsch nach mehr Tierwohl im Vordergrund. "Alle Ideen vereinen Tierwohlaspekte sowie gesellschaftliche Anforderungen und werden von Landwirten als technisch realisierbar bewertet", so Dr. Marie von Meyer-Höfer, Koordinatorin des Verbundprojekts an der Universität Göttingen. Die Konzepte sind zunächst als Neubauvarianten geplant.

Wichtigste Faktoren der Stallbaukonzepte sind:

  • mehr Platz und Bewegungsfreiheit für Sauen, Ferkel und Mastschweine,
  • getrennte Funktionsbereiche,
  • unbegrenztes Angebot von Raufutter, Stroheinstreu oder anderem organischen Beschäftigungsmaterial,
  • Möglichkeiten zum Duschen und Wühlen für Mastschweine,
  • Zugang zu einem Außenklimabereich für alle Tiere ab 30 kg Gewicht und
  • Stallbau aus Holz, um Nachhaltigkeits- und Schönheitsaspekten gerecht zu werden.

Mehrere Varianten erarbeitet

Aufgrund der Vielfalt aktueller Haltungsverfahren für Schweine sowie der betrieblichen und regionalen Besonderheiten erarbeiteten die Projektbeteiligten für jede Produktionsstufe mehrere Varianten, wie zum Beispiel verschiedene Außenklimaställe für die Mast. Jeder Landwirt kann daraus das für seinen Betrieb passende Konzept auswählen, in einer Excel-Anwendung Kosten errechnen und auf dieser Basis die Umsetzung planen. Ab Sommer 2019 sollen laut von Meyer-Höfer das Excel-Tool und Beispielskizzen für die einzelnen Stallkonzepte auf der Projektseite der Universität Göttingen zur Verfügung stehen.

Herausforderungen an Politik und Gesellschaft

Politik und Gesellschaft sind aufgefordert, die derzeit bestehenden genehmigungsrechtlichen Hürden und Zielkonflikte wie beispielsweise zwischen Tierwohl und Umwelt- bzw. Emissionsschutz und die Vergütung erbrachter Mehraufwände nachhaltig zu lösen.

Erste ökonomische Betrachtungen der entwickelten Stallkonzepte lassen deutlich höhere Kosten für die Haltung von Schweinen und die Schweinefleischproduktion erwarten. In der Summe aus Ferkelerzeugung, Ferkelaufzucht und Mast ergeben sich Mehrkosten allein in der Erzeugung in Höhe von deutlich über 30 Euro je verkauftem Mastschwein. Weitere Kosten für die Verarbeitung und Vermarktung werden den Endverbraucherpreis zusätzlich deutlich erhöhen. Solange es nur wenige solcher Ställe gibt und das bediente Marktsegment klein ist, muss zudem mit höheren Verarbeitungs- und Vermarktungskosten gerechnet werden.

Verbraucherinnen und Verbraucher mitnehmen

Auch die Verbraucherkommunikation spielt eine Rolle, besonders dann, wenn der Bau eines Stalles beginnt. Eine projektbegleitende Verbraucherstudie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf hat gezeigt, dass aufklärende und glaubwürdige Informationen als Begleitung des Stallbaus die Verbraucherwahrnehmung beeinflussen. Ob Stallbegehungen oder Ideenwettbewerbe vor Ort durchgeführt werden, auf jeden Fall sollten die Verbraucherinnen und Verbraucher informiert werden.

Am "Virtuellen Stall der Zukunft" beteiligt waren die Georg-August-Universität Göttingen (Koordination, gesellschaftliche Akzeptanz, ökonomische Betrachtung), die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Tierzucht und -haltung), die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (Marketing), die Richard Hölscher GmbH und Co. KG (Stallbau), die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e.V. (ISN).

Weitere Informationen

Universität Göttingen: "Virtueller Stall der Zukunft"

Zusätzliche Einstreu sorgt für Abwechslung und Beschäftigung, Quelle: BLE
Wasser von oben: ein Schwein genießt, Quelle: BLE