Bild von einer Kuh

Mehr Tierwohl in der Putenhaltung

Wie leben die Puten in Deutschland? Wie werden sie gehalten und was kann man für das Tierwohl tun? Zur Beantwortung dieser Fragen besuchte die Redaktion einen Betrieb in Nordhessen.

Jörg Meyer und Susanne Günther betreiben Putenhaltung auf ihrem Betrieb in Nordhessen. Der Betrieb umfasst rund 180 ha Ackerbau, eine 250kw-Biogasanlage sowie die Putenmast. Alle Betriebszweige greifen ineinander. So füttern sie den eigenen Weizen an die Puten und streuen die Ställe mit eigenem Stroh ein. Geheizt werden die Ställe mit der Abwärme der Biogasanlage. Mit dem Mist aus dem Stall wird die Biogasanlage gefüttert. Das Gärsubstrat wiederum wird als Wirtschaftsdünger auf die Felder ausgebracht.

Putenhaltung – ein Einblick

Auf dem Putenhof Meyer werden 14.000 Puten gehalten. Es gibt drei Ställe. In einem Stall wird eine Herde mit 8.000 Hennen gehalten. In den beiden anderen Ställen werden die Hähne gemästet. Pro Herde sind das bei den Hähnen ungefähr 3.000 Tiere. Hennen und Hähne werden in der Aufzucht in den ersten fünf bis sechs Wochen in einem Stall zusammen gehalten, gemästet werden die Puten dann getrennt nach Geschlecht.

Bei den Ställen auf dem Betrieb Meyer handelt es sich um sogenannte Naturluftställe oder auch Offenställe mit natürlicher Windlüftung genannt. An den Längsseiten des Stalles befinden sich Klappen, die je nach Bedarf hoch- und heruntergefahren werden können. Dadurch wird die Lichtintensität und Frischluftzufuhr reguliert. Wichtige Faktoren im Stall sind die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit, der Gehalt an Staub und Schadgasen sowie das Licht. Ein optimales Klima trägt zur Gesundheit der Tiere bei.

"Die Puten bekommen dreimal in der Woche frische Einstreu, damit sie sich wohlfühlen. Zum Einstreuen fahren wir mit dem Trecker durch. Das staubt zwar und ist nicht so gut für die Gesundheit, aber das lässt sich mit keiner Technik verhindern", erklärt uns der Landwirt. "Puten sind neugierige Tiere. Sie haben ein ausgeprägtes Erkundungsverhalten," ergänzt Frau Günther. Die Puten bekommen Beschäftigungsmaterial wie Picksteine und es werden Heunetze mit Luzerneheu aufgehängt.

Zur der Zeit unseres Stallbesuches sind die Hennen 14 Wochen alt, es sind also noch zwei Wochen bis zum Ausstallen und zum Schlachttermin. Die Putenhennen sind sehr aufmerksam, als wir den Stall betreten, verfolgen und bepicken sie uns interessiert. An einer Seite des Stalles rennen ein paar Puten plötzlich von einem bis zum anderen Ende des Stalles, das kommt während der Zeit, in der wir im Stall sind, immer mal wieder vor. Andere Puten fressen, trinken, picken in den Schalen mit den Picksteinen oder sitzen auf den Aufsitzmöglichkeiten. Wiederum andere sitzen unter den Erhöhungen, die sich teilweise mitten im Stall und teilweise am Rand des Stalles befinden. Sie dienen als Unterschlupfmöglichkeiten. Als sich die Tiere ein wenig an uns gewöhnt haben, legen sich einige hin, etliche begleiten uns weiterhin.

Mast von Puten mit unbehandeltem Schnabel – ist das möglich?

Seit 2016 nimmt der Betrieb an dem Projekt Modell- und Demonstrationsvorhaben (MuD) Tierschutz des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft teil. Die teilnehmenden Betriebe testen in dem Netzwerk mit dem Titel "Minimierung des Federpickens bei Mastputen" aus, wie die Putenmast mit Tieren ohne behandelten Schnabel funktionieren kann. Mit intakten Schnäbeln treten Verletzungen auf, die schwerer sind als bei stumpfen, kurzen Schnäbeln. Im Projekt werden verschiedene Maßnahmen ausprobiert, die Tiere vom Picken abzuhalten.

Insgesamt nehmen bundesweit sechs Putenhalter an dem Projekt teil. Die Betriebe setzen die folgenden verschiedenen Maßnahmen innerhalb des Projekts ein:

  • Verdunkelung im Bereich der Zuluft
  • Sprühnebelanlage
  • Beschäftigungsmaterial (u.a. Luzerneheu, Ketten, Picksteine)
  • Aufsitz- und Unterschlupfmöglichkeiten
  • Luxmeter zur Dokumentation der Lichtintensität

Die Tierhalterinnen und Tierhalter werden intensiv beraten und sie tauschen sich bei Treffen auf den einzelnen Betrieben darüber aus, wer welche Erfahrungen gemacht hat.

Erste Erfahrungen

Landwirt Meyer setzt im Rahmen des Projekts mehr Beschäftigungsmaterial als vorher ein. Er testet verschiedene Arten von Picksteinen aus, die unterschiedlich fest sind. Außerdem hängt Jörg Meyer Netze in den Stall, die mit Luzerneheu gefüllt sind. Die Picksteine werden von den Hennen gut angenommen, die Heunetze sind meist gut besucht.

Im Stall wurden einige Aufsitz- und Unterschlupfmöglichkeiten aufgebaut. Sie wurden in verschiedenen Breiten getestet sowie einige mit Aufstiegshilfen ausgestaltet. Doch die Rampen werden nicht benötigt, sagt uns Herr Meyer. Die Tiere hüpfen locker rauf und runter. Von diesen Aufsitzmöglichkeiten sollen noch weitere im Stall aufgebaut werden.

Auf dem Putenhof Meyer läuft gerade der zweite von insgesamt drei Durchgängen mit Putenhennen, deren Schnäbel nicht behandelt wurden. Landwirt Meyer hat mit einer ersten Versuchsgruppe von 700 Tieren die Erfahrung gemacht, dass diese "überversorgt" wurden, mehr als das in der Praxis üblich ist. Die Tiere waren in einem kleineren Abteil, im großen Stall war der Landwirt eine viel kürzere Zeit zur Beobachtung als in dem kleinen Bereich. Das war nicht realistisch. Im zweiten Durchgang wurden dann 8.000 Hennen mit intakten Schnäbeln eingestallt. Verletzte Tiere muss der Landwirt aus der Herde holen und in den Krankenstall bringen, den er auch als "Erholungsstall" bezeichnet. Wenn die Verletzungen gut verheilen, können die Tiere evtl. wieder zurück zur Herde.

"Bis zur 8./9. Woche ist es noch relativ entspannt, dann geht das Picken los. Bei einer Herde von 8.000 Hennen können auch bis zu 3 Prozent Hähne dabei sein, die durch falsches Sortieren zu den Hennen gelangt sind. Das macht die Hennen aggressiv, weil die Hähne anders aussehen", erklärt der Landwirt. Die Tierbeobachtung ist ein ganz wichtiger Faktor. Landwirt Meyer geht mindestens dreimal am Tag durch den Stall, je nach Bedarf sind es auch fünf bis sechs Gänge. Dabei achtet er darauf, wie es den Tieren geht, ob Verletzungen zu sehen sind. Die Beraterin des Projekts hat gemeinsam mit dem Landwirt bei einem Besuch auf dem Betrieb die Tiere mit einem besonderen Schema erfasst und darauf aufmerksam gemacht, dass fast jede zweite Henne einen kleinen Fortsatz am Schnabel hat, an dem sich die Tiere gegenseitig besonders picken. Vor allem bei Rangordnungskämpfen können sich die Tiere dabei beträchtliche Verletzungen zufügen.

Der Landwirt ist froh, dass das Projekt der Modell- und Demonstrationsvorhaben (MuD) Tierschutz es ihm ermöglicht, die Haltung schnabelungekürzter Putenhennen im wirtschaftlich abgesicherten Rahmen ausprobieren zu können.

"Wir arbeiten viel mit Licht"

Der dritte, nächste Durchgang geht in die Sommermonate hinein. Da dann die Möglichkeit zur Abdunkelung des Stalles kaum noch gegeben ist, wenn mal Unruhe aufkommt, überlegt Landwirt Meyer, ob er wirklich schnabelunbehandelte Hennen einstallen wird. Der Landwirt überlegt: "Eventuell werde ich nur mit einer kleineren Menge an Tieren in einem Versuchsabteil arbeiten. Ich werde mich dazu noch beraten lassen."

Schon im zweiten Durchgang hat Landwirt Meyer massiv mit der Lichtintensität gearbeitet. Wenn die Herde unruhig wird und das Picken anfängt, kann durch geringere Lichtintensität mehr Ruhe in die Herde gebracht werden. Im Sommer, wenn es warm ist, müsste man für mehr Frischluft sorgen und dazu die seitlichen Klappen weiter hochfahren. Dadurch ist es heller im Stall. Um die Lichtintensität zu verringern, müssten die Klappen geschlossen bleiben und es müsste mit künstlichem Licht gearbeitet werden. "Dann wäre aber auch die Luft im Stall schlechter und das möchten wir ja auch nicht", sagt der Landwirt.

Ein Leben in Dämmerlicht, weil der Schnabel intakt bleiben muss? Diese Frage stellen sich die Eheleute Meyer und Günther. Und das ist auch eine Frage, die sich die Gesellschaft stellen muss.

Einfach mal reinschauen

Den Eheleuten Günther und Meyer ist die Öffentlichkeitsarbeit sehr wichtig. Immer mal wieder haben sie Besucher auf dem Betrieb, mal eine Schulklasse, mal eine Projektgruppe oder eine Gruppe von Lehrerinnen und Lehrern. Der Betrieb nimmt ebenso an Initiativen zu Stallöffnungen teil, bei denen die Verbraucherinnen und Verbraucher vorher und nachher befragt werden. Frau Günther erzählt uns: “Am liebsten nehmen wir die Besucher mit in den Stall. Wir haben auch ein Besucherfenster mit Blick von oben in den Stall, dann müssen die Besucher keine Anzüge anziehen. Aber besser ist es, wenn sie mit hineingehen." Und sie erzählt uns von interessanten Begebenheiten, da die meisten Besucher von den großen Tieren beeindruckt sind, die auch mit einem Schlachtgewicht von ca. 20 kg bei den Hähnen und ca. 11 kg bei den Hennen ziemlich beweglich sind.

Hintergrund zum Schnabelkürzen

Die Haltung von Puten unterliegt in Deutschland den Vorgaben durch das Tierschutzgesetz und den allgemeinen Anforderungen der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung. Die "Bundeseinheitlichen Eckwerte für eine freiwillige Vereinbarung zur Haltung von Mastputen" dienen der Sicherstellung einer nach § 2 Tierschutzgesetz vorgegebenen Putenhaltung.

Puten sind neugierige Tiere und picken sich gegenseitig an, teilweise picken sie sich die Federn aus. Damit es nicht zu schweren Verletzungen kommt, wird den Puten in der Putenmast der Oberschnabel gekürzt. Allerdings soll künftig darauf verzichtet werden.

Bis zum Verzicht auf das Schnabelkürzen bei Puten und in Fällen, in denen die Unerlässlichkeit des Eingriffs glaubhaft dargelegt ist, verpflichtet sich die deutsche Geflügelwirtschaft das Schnabelkürzen ausschließlich in Brütereien am ersten Tag nach dem Schlupf vorzunehmen. Die Betreiber der Brütereien verpflichten sich, dabei ausschließlich das Infrarot-Verfahren anzuwenden.

Bei diesem Verfahren der Schnabelbehandlung werden mit einem Lichtimpuls Blutgefäße und Nerven verödet. Dies führt dazu, dass sich der Oberschnabel nicht voll ausbildet. Die Putenküken werden in einer Art Karussell fixiert, fahren einmal herum und bekommen dabei den Lichtimpuls auf die Schnabelspitze gesetzt.

Weitere Informationen

Bundeseinheitliche Eckwerte für eine freiwillige Vereinbarung zur Haltung von Mastputen

Vereinbarung zur Verbesserung des Tierwohls, insbesondere zum Verzicht auf das Schnabelkürzen in der Haltung von Legehennen und Mastputen

Internetseite des Betriebs Putenhof-Meyer

Film auf dem Betrieb über die konventionelle Putenmast

Modell- und Demonstrationsvorhaben (MuD) Tierschutz - Demonstrationsbetrieb Putenhof Meyer

Putenstall
Ein Putenstall mit Hennen, deren Schnabel unbehandelt ist, Quelle: BLE
Puten im Stall
Putenhennen sitzen auf Aufsitzmöglichkeiten, im Vordergrund eine Schale mit einem Pickstein, Quelle: BLE
Goßformat eines Putenkopfes im Stall
Eine Putenhenne mit unbehandeltem Schnabel, Quelle: BLE
Putenstall von außen
Auf der Tür des Putenstalls ist das Schild "Demonstrationsbetrieb Tierschutz" angebracht, Quelle: BLE
Puten im Stall
An der rechten Seite des Stalles befindet sich eine Aufsitzmöglichkeit, im Hintergrund ist ein Heunetz zu sehen, Quelle: BLE
im Putenstall
Futtervorrichtungen im Putenstall, Quelle: BLE
Landwirt im Technikraum
Landwirt Meyer erläutert die Steuerungselemente für den Putenstall, Quelle: BLE
Fenster in der Stallwand
Durch das Besucherfenster kann man in den Stall blicken, Quelle: BLE
Cover der Vereinbarung
Vereinbarung zur Verbesserung des Tierwohls, insbesondere zum Verzicht auf das Schnabelkürzen in der Haltung von Legehennen und Mastputen, Quelle: BMEL