Bild von einer Kuh

Verzicht auf betäubungslose Ferkelkastration

Die meisten Schweinezuchtbetriebe kastrieren bisher die männlichen Ferkel. Sie wachsen nicht zu Jungebern heran, sondern bleiben sogenannte "Börge". Der Grund: Bei einem geringen Anteil des Jungeberfleisches kann es beim Erhitzen zu einem sehr unangenehmen Geruch, dem "Ebergeruch", kommen.

Die Kastration männlicher Ferkel ist bisher bis zum siebten Lebenstag noch ohne Betäubung erlaubt. Diese Praxis kritisieren Tierschützer. Der Gesetzgeber hat reagiert: Das Tierschutzgesetz wurde bereits entsprechend geändert. Danach war geplant, dass die Ferkelkastration in Deutschland ab 2019 nur noch unter Betäubung zulässig sein sollte. Diese Frist wurde um zwei Jahre verlängert.

Die bisher erlaubten Alternativen sind Ebermast, Immunokastration und Kastration unter Narkose. Die Ferkelerzeuger und Verbände halten aus den unterschiedlichsten Gründen diese Alternativen für nicht flächendeckend anwendbar. Eine weitere Alternative wäre die "lokale Anästhesie", die in der Diskussion ist. Ein Forschungsprojekt dazu läuft noch, es sind noch keine Arzneimittel zugelassen.

Jeder Ferkelerzeugerbetrieb muss sich bis zum 1.1.2021 für eine Alternative entscheiden, eine weitere Fristverlängerung wird es nicht geben.

Die Alternativen

Zurzeit werden drei Alternativen zur betäubungslosen Kastration der Ferkel gesehen.

Chirurgische Kastration unter Narkose

Eine Möglichkeit ist die Durchführung der chirurgischen Kastration unter Narkose, also unter vollständiger Schmerzausschaltung. Derzeit kommen zwei Betäubungsverfahren bei der chirurgischen Ferkelkastration in Betracht: die Injektionsnarkose und die Inhalationsnarkose. Die Verfahren dürfen nach den Vorgaben des Tierschutzgesetzes bisher nur von einem Tierarzt durchgeführt werden. Bei den Verfahren müssen die Tiere anschließend mit Schmerzmitteln für die Behandlung des Wundschmerzes versorgt werden.

Immunokastration (Impfung)

Ein zweiter Weg ist die sogenannte Immunokastration. Dabei handelt es sich um eine Impfung gegen Ebergeruch. Das Fleisch von den Tieren wird durch die Impfung nicht nachteilig beeinflusst. Die Impfung unterdrückt zuverlässig die Produktion von Geschlechtshormonen der Tiere. Nach außen sichtbar wird dies durch deutlich kleinere Hoden. Das verwendete Tierarzneimittel ist ein EU-weit zugelassener Impfstoff, der weltweit bereits seit längerem mit Erfolg eingesetzt wird. Es handelt sich dabei um zwei Injektionen, die im Abstand von mindestens vier Wochen durchgeführt werden. Die zweite Impfung muss zwischen vier und sechs Wochen vor der Schlachtung verabreicht werden. Bis die Wirkung der zweiten Impfung einsetzt werden die Tiere als intakte Eber mit allen Vor- und Nachteilen gehalten.

Ebermast

Eine weitere Alternative ist die Ebermast. Die Mast von intakten Ebern ist aus Sicht des Tierschutzes die am wenigsten umstrittene Methode, weil die Kastration bzw. Eingriffe gänzlich entfallen. Sie funktioniert gut, wenn man einige Dinge beachtet. Zum Beispiel müssen Jungeber mehr Futterplätze als die Börge haben und ihre Buchten sollten möglichst sauber sein. In schmutzigen Buchten besteht eine größere Gefahr, dass sich der gefürchtete Ebergeruch entwickelt. Auch muss das Futter für die Jungeber anders zusammengesetzt sein als für Börge. Beim Transport und im Wartebereich der Tiere im Schlachthof müssen Eber aufmerksamer behandelt werden. Doch die Mühe lohnt sich: Jungeber haben eine günstigere Futterverwertung als Börge. Sie benötigen bis zu einem halben Kilogramm weniger Futter, um ein Kilogramm Körpersubstanz zu bilden. Außerdem bilden sie höhere Fleischanteile bei weniger Speckauflage. Im Schlachthof angekommen riechen nur drei bis fünf Prozent der Eber so stark, dass man ihr Fleisch nicht ohne weiteres vermarkten kann. Und dieser Wert soll weiter reduziert werden. Deshalb fördert das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft Forschungsprojekte zur züchterischen Selektion von Schweinen mit geringem Ebergeruch und zur Reduzierung des Ebergeruchs durch gezielte Fütterung.

Der vierte Weg: die Lokalanästhesie

Eine weitere Methode wäre die Kastration mit Lokalanästhesie, der so genannte "vierte Weg", über den zuletzt viel diskutiert wurde. Dabei geht es darum, die männlichen Ferkel unter örtlicher Betäubung zu kastrieren. Dieses Verfahren kann die Landwirtin oder der Landwirt unter bestimmten Voraussetzungen selbst durchführen. So wird es beispielsweise in Dänemark und Schweden praktiziert. Allerdings ist das in Deutschland nicht erlaubt, und es gibt in Deutschland auch noch kein zugelassenes Arzneimittel. Und wenn es ein zugelassenes Arzneimittel gäbe, dann dürfte auch zunächst nur der Tierarzt die Methode anwenden (Stand:April 2019).

Aktivitäten von Betrieben, Handel und Verbänden

Es gab schon 2008 und 2010 Aktivitäten der Mastbetriebe und des Handels: Bereits im September 2008 haben der Deutsche Bauernverband, der Verband der Fleischwirtschaft sowie der Hauptverband des deutschen Einzelhandels eine freiwillige Selbstverpflichtung zum Thema Ferkelkastration unterschrieben, die "Düsseldorfer Erklärung". Diese formulierte das gemeinsame Ziel, in Zukunft auf die betäubungslose Ferkelkastration zu verzichten. Das war schon ein erster Schritt auf dem Weg zum vollständigen Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration.

Auf europäischer Ebene hatten Vertreter von Landwirten, Fleischindustrie, Einzelhandel, Forschung, Tierärzteschaft und Tierschutz bereits im Jahr 2010 das Ziel formuliert, die chirurgische Kastration von Ferkeln bis zum Januar 2018 ganz einzustellen.

Schwein mit Ferkeln beim Säugen
Muttersau mit Ferkeln, Quelle: BLE, Bonn/Foto: Thomas Stephan